Gelebte Altstadterhaltung
Symbiose zwischen Alt und Neu
Es gibt viele Gründe, u. a. Bodenknappheit im innerstädtischen Bereich, Potenzial der historischen Bausubstanz, Tourismus, Prestige, Denkmal- und Ortsbildschutz etc., die dafür sprechen, bestehende Gebäude zu sanieren und im Altstadtbereich zu bauen. Aber nur selten findet man Investoren, die Qualitäten des Altbaus erkennen, ein Bewusstsein für nachhaltigen Ressourcenumgang besitzen und für eine behutsame Erneuerung längere Verfahren in Kauf nehmen, um historische Bausubstanzen und -juwelen für die nächste Generation zu erhalten.
In der Grazer Griesgasse entsteht derzeit genauso ein Best-Practice-Beispiel, für das sich bereits 2014 zwei private Bauherren mit je einer nebeneinander befindlichen Liegenschaft, bestehend aus einer Baulücke und einem Altbestand, zusammengetan und einen einstufigen Realisierungswettbewerb unter fünf Teilnehmern ausgelobt haben. Im Verfahren nach „Grazer Modell“, das in Kooperation mit der Stadt Graz und der ZT-Kammer für städtebauliche Schwerpunktprojekte durchgeführt wird, konnte sich Architekt Christan Andexer mit seinem sensiblen Eingriff und Neubauentwurf gegen namhafte Büros wie Artec Architekten, Bramberger architects, Dietmar Feichtinger Architectes und Klaus Steinbauer durchsetzen. Im Zuge der Planung wurden die beiden Parzellen zu einem Grundstück zusammengelegt, wodurch baurechtliche Bestimmungen wie Abstandsregelungen, Brandschutzbestimmungen etc. erleichtert wurden und die konzeptionelle Idee, der historisch in diesem Viertel typischen langgezogenen Hofbebauung zu entsprechen, realisiert werden konnte. Die behutsame Adaptierung des Altbaus zu zeitgemäßen barrierefreien Wohnungen und umgekehrt die Wiederaufnahme von historischen baulichen und strukturellen Elementen zeigen, wie moderne wechselwirksame Interpretationen von Bauen im Bestand möglich werden.
Bauen im Bestand
Um eine Einheit zwischen Neu- und Bestandsbau herzustellen, hat Christian Andexer wesentliche städtebauliche Merkmale der Hoftypologie und bauliche Elemente wie die Laubengangerschließung übernommen. Auch zahlreiche formale Entwurfsdetails wie Traufen- und Firsthöhen, Gebäuderücksprünge und die Ausbildung einer Reiche sind dem umliegenden historischen Bestand entnommen. Die Reiche, ein schmaler Zwischenraum zwischen zwei Gebäuden, unterstützt straßenseitig die optische Eigenständigkeit des Neubaus, erhält die Kleinteiligkeit des Straßenzuges und erfüllt auch heute noch seine historische Funktion der Ableitung von Regenwasser, Belüftung von Nebenräumen und Brandschutz. Viele der Grazer Reichen, deren Bezeichnung sich vom Brandlöschen mittels Menschenketten, die Wassereimer durch-„reichten“, ableiten, sind kaum einen Meter breit, wurden aber dennoch oft auch als Verbindungs- und Durchgänge benutzt.
Zudem springt die Neubaufassade in annähernd gleicher Tiefe wie der unmittelbar benachbarte Bestand zurück, spielt damit die Eckrisalite der beiden angrenzenden Altbauten frei und bildet dadurch im Erdgeschoß einen überdeckten Vorbereich und in den Obergeschoßen durchgängige Balkone aus. „Spanische Wände“, Schiebefaltläden, die als Sichtschutz fungieren, geben der Fassade eine bewegte Hülle, deren Öffentlichkeit und Privatheit sich individuell regulieren lässt, und fassen den Freiraum zur Straße hin. Eine Pergola als Abschluss im obersten Geschoß sorgt für die notwendige optische Leichtigkeit, damit sich der Neubau in der Baulücke, trotz seiner fünf Geschoße, der Umgebung unterordnen kann.
Der Entwurf
Der Entwurf mit insgesamt 23 Wohneinheiten besteht eigentlich aus drei Bauteilen: dem denkmalgeschützten spätbarock-biedermeierlichen dreigeschoßigen Bestand mit ausgebautem Dachgeschoß, einem straßenseitig in die Baulücke gestellten Neubau und einem neuen Hofgebäude. Die angebaute Hofbebauung staffelt sich von einem drei- auf einen zweigeschoßigen Bauteil nach hinten ab. Der dreigeschoßige mittlere Verbindungsteil beherbergt drei Einzimmerwohnungen.
Der straßenseitige Neubau teilt sich mit dem denkmalgeschützten Altbau, dessen Grundstruktur und Elemente erhalten blieben, eine gemeinsame hofseitige Treppen- und Laubengangerschließung. Beide Bauteile beherbergen schmale, auf die gesamte Baukörpertiefe durchgesteckte und damit querbelüftete, zweiseitig belichtete 1- bis 2-Zimmer-Wohnungen von 32 bis 43 Quadratmetern im Neubau, 50 bis 55 Quadratmetern im Altbau. Diese Grundrisstypologie verzichtet auf klassische Raumaufteilungen wie Vorraum etc. und wird über die Wohnküche direkt betreten. Im Kern befindet sich das barrierefreie Bad, das über Oberlichten natürlich belichtet wird.
Der zweite Neubau ist eine der südlichen Grundstücksgrenze folgende Hofbebauung, bestehend aus drei über Atrien zweiseitig belichtete und belüftete 3-4-Zimmer-Maisonettewohnungen mit 80 bis 96 Quadratmetern. Die nicht einsehbaren, südlich orientierten Atrien sind kleine private Gartenoasen und Rückzugsorte mitten in der Grazer Altstadt. Straßenseitig im Erdgeschoß des Neu- sowie des Bestandgebäudes sind Geschäftsflächen vorgesehen. Direkt dahinter werden Nebenräume wie Abstell-, Fahrrad- und Müllraum angeordnet. Durch die Erschließung aller Wohnungen über den alten Straßenzugang, der über einen kleinen Lichthof direkt in den gemeinsamen Innenhof führt, können sich nachbarschaftliche Beziehungen ergeben. Zumal auch das bestehende nördliche Hofgebäude derzeit für weitere Wohnungen neu saniert wird. Der langgestreckte Innenhof bildet im vorderen Bereich einen zentralen gemeinschaftlich nutzbaren Platz aus. Im hinteren Teil werden die Hofwohnungen direkt erschlossen.
Konstruktion
Die Neubauten wurden in Niedrigenergiestandard entsprechend der Steiermärkischen Wohnbauförderung ausgeführt und das Flachdach nach Vorgaben der Stadtplanung Graz extensiv begrünt. Alt- sowie Neubau sind an das Fernwärmenetz angeschlossen. Die nicht unterkellerten, sandbeige verputzten Neubauten aus Stahlbeton mit Wärmedämmverbundsystem weisen einen hohen Ausführungsstandard auf: u. a. Holzfenster, raumhohe Hebeschiebetüren bei den Balkonen, Holzböden, Fußbodenheizung etc. Mit derselben Sorgfalt wurde auch bei der Sanierung des Altbestands vorgegangen, u. a. wurde die Fassade durch einen Restaurator fachmännisch instandgesetzt, Kastenfenster saniert und rekonstruiert, das Dach mit der historischen Altstadtmischung gedeckt, der First vermörtelt etc.
Die Architekturqualität zeigt sich bei diesem Bauvorhaben nicht nur in der Kombination von traditionellem Handwerk mit modernen Materialien, sondern auch in zahlreichen weiteren Details der behutsamen Neuinterpretation, um die Lebendigkeit und Lebensqualität der Altstadt auch für nächste Generationen zu bewahren – das ist Altstadterhaltung.
Auftraggeber | Wohnen Griesgasse 30 Gesm.b.H. & Co KG |
Architekt, Ausschreibung,Projektleitung | Christian Andexer Architekt |
Projektmitarbeiter | Johann Timmerer-Maier DI, Stefan Brandtner DI |
Kostenkontrolle, ÖBA | Bmst. Ing. Willi Moder |
Statik | Ziviltechnikerbüro Acham |
Baumeisterarbeiten | Pongratz Bau Gesellschaft mbH, Graz |
Haustechnik | Zach GmbH, Pöllau |
Elektrotechnik | Pichler Gesellschaft mbH, Weiz |
Schlosser | Metallbau Melcher GesmbH, St. Rupprecht an der Raab |
Bautischlerarbeiten | Tischlerei Schilli GmbH, Halbenrain |
Aufzugsanlage | Thyssenkrupp, Graz |
Restaurator | Hubert Schwarz Restaurator |
Haustechnik | Pongratz BaugesmbH |
Elektrotechnik | TB Ogrisek& Knopper |
Bauphysik | Rosenfelder & Höfler TB Bauphysik |
Brandschutzkonzept | Norbert Rabl ZT GmbH |
Wettbewerb | geladener 1-stufiger Realisierungswettbewerb 2014, 1. Preis |
Bauaufgabe | Assanierung, Um- und Neubau |
Nutzflächen | 1378 m² Alt- und Neubau |
Bruttogeschoßfläche | 1887 m² |
Baubeginn | 2017 |
Fertigstellung | 2018 |
ARCH. DIPL. ING. CHRISTIAN ANDEXER geboren in Salzburg, Büro seit 1991 in Graz, zahlreiche Bauten im historischen und sozialen Kontext, SV Altstadterhaltung in Salzburg (SVK) und Graz (ASVK); Verfasser Masterplan World Heritage Graz, Core zone and Palace Eggenberg; WKE Experte Graz für EU – URBACT II – HerO Project „Heritage as opportunity“ Werke (Auswahl) Auszeichnungen (Auswahl) |