Veränderung

"Die Blockchain wird auch die Baubranche verändern"

Digitalisierung
14.09.2021

Blockchain sowie Kryptowährung und die daraus resultierenden Konsequenzen werden die Baubranche gravierend verändern. Davon ist Jaqueline Peter überzeugt.

Ob ist schon lange nicht mehr die Frage, sondern nur noch wann beziehungsweise wie schnell: Die Digitalisierung der Baubranche ist in vollem Gange, und auch wenn BIM gerade die große Revolution zu sein scheint, die Entwicklungen geht viel weiter. Denn Blockchain sowie Kryptowährung und die daraus resultierenden Konsequenzen werden die Baubranche noch gravierender verändern. Davon ist Jaqueline Peter überzeugt. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Digitalisierung im Bauwesen der Universität Duisburg-Essen schreibt gerade an ihrer Doktorarbeit zum Einsatz von Smart Contracts im Bauwesen und geht davon aus, dass sie große Auswirkungen haben werden. Nicht nur auf die Baubranche, sondern auf das ganze Wirtschaftssystem, wie sie im Interview erzählt.

Wie würden Sie einem Menschen, der noch nie etwas von Blockchain gehört oder sich nicht damit beschäftigt hat, die Blockchain-Technologie beschreiben?

Jacqueline Peter: "Die Blockchain ist ein rein verteiltes Peer-to-Peer-System von Hauptbüchern, das eine Softwarekomponente verwendet, die aus einem Algorithmus besteht, der den Informationsgehalt geordneter und verbundener Datenblöcke gemeinsam mit kryptografischen und Sicherheitstechnologien aushandelt, um dessen Integrität zu erreichen und zu erhalten." – So beschreibt es Daniel Drescher meiner Meinung nach sehr passend in seinem Buch "Blockchain-Grundlagen".

Das klingt vom Prinzip her sehr technisch, warum sollte sich ein*e Bauunternehmer*in mit Blockchain auseinandersetzen?

"Schlussendlich wird eine Firma diese Technologien einfach an einem Front End nutzen, die technische Seite obliegt externen Spezialisten. Es wäre aber gut, wenn man sich schon jetzt mit den Begrifflichkeiten auseinandersetzt und überlegt, welche Vorteile die Technologie bringen kann." Jacqueline Peter,Universität Duisburg-Essen

Peter: Prinzipiell muss sich die Bauunternehmer*in mit der Technologie an sich nicht beschäftigen, diese ist einfach eine Hintergrundtechnologie. Keiner erwartet jetzt, dass Baufirmen auch noch ihre eigenen Programmierer*innen einstellen, die Blockchains anlegen oder Smart Contracts programmieren. Schlussendlich wird eine Firma diese einfach an einem Front End nutzen, die technische Seite obliegt externen Spezialisten. Es wäre aber gut, wenn man sich schon jetzt mit den Begrifflichkeiten auseinandersetzt und überlegt, welche Vorteile die Technologie für einen bringen kann.

Mit welchen Begriffen sollte man sich beim Thema Blockchain auseinandersetzen?

Peter: Man muss schon mal wissen, was Kryptowährung ist und wie man diese nutzen kann. Ein weiteres spannendes Feld für die Baubranche sind Smart Contracts sowie die sich daraus ergebenden Möglichkeiten. Auch der grundsätzliche Wegfall eines Intermediär – also eines Mittelsmanns zwischen den Vertragsteilnehmern – ist ein wesentlicher Aspekt. Normalerweise ist da eine Bank oder ein Notar dazwischengeschaltet, das kann gänzlich wegfallen. Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist die Steuersituation: Momentan ist Kryptowährung, wenn man sie ein Jahr lang hält, steuerfrei.

Gerade das Thema Smart Contracts ist momentan sehr präsent. Wie kann man diese neue Art der Verträge beschreiben?

Peter: Einfach gesagt, ist es ein digitaler Vertrag, der mittels "If-then"-Bedingungen aufgesetzt wird. Erfüllt der Auftragnehmer die Bedingung, wird zum Beispiel eine Zahlung freigeschaltet. Nehmen wir das Beispiel eines Auftraggebers, der etwa über eine Auftraggeberinformationsanforderungen eine Leistung ausschreibt. Diese Leistung ist genau definiert – soll es ein Plan im CAD-Format sein, ein BIM-Modell oder Ähnliches? Wurde die Leistung erbracht, dann gibt der Auftragnehmer dem Smart Contract diese an. Nun kann, muss aber nicht eine Prüfinstanz eingeschaltet werden, die kontrolliert, ob die Arbeit vertragskonform erledigt wurde. Bestätigt diese die Leistung, wird die Rechnung automatisch erstellt, das Geld sofort überwiesen und der Vertrag als erfüllt betrachtet.

Können Smart Contracts auch mehrstufig aufgebaut werden?

Peter: Natürlich, es sind so viele Ebenen wie gewünscht möglich, die alle mit einer zu erfüllenden Bedingung sowie einer Zahlung dafür hinterlegt sind. Man kann prinzipiell jegliche Details wie Fristen, Ziele oder Pönalen hinterlegen, und der Vertrag liefert automatisch das darin vereinbarte Ergebnis.

Der vereinfachte Aufbau einer Blockchain.

Welche Anwendungsgebiete sehen Sie zukünftig für Smart Contracts in der Baubranche?

Peter: Die Möglichkeiten sind mannigfaltig, man muss sich auch von dem Gedanken rein menschlicher Verträge lösen. So könnte zum Beispiel Baumaschinen-Sharing automatisiert über Smart Contracts laufen ebenso wie die Access-Control von Baustellencontainern. Gleichzeitig könnten Maschinen die Technologie als Basisebene verwenden. Zur Finanzierung von Gebäuden könnten diese zur Abwicklung von Initial Coin Offerings dienen. Über Smart Contracts könnte man auch Verträge über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes abschließen bzw. Bauteile über diesen nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip verfolgen. Ebenso könnten sie als Basis für die komplette Baulogistik verwenden oder auch das Grundbuch mittels Blockchain-Technologie komplett digitalisieren

Für Smart Contracts fehlt gerade aber noch die rechtliche Grundlage. In welchem Zeitraum sehen Sie, dass sich dies ändern wird?

Peter: Prinzipiell ist diese Veränderung schon längst im Gange. In Italien wurden bereits die Grundsteine für die Blockchain-Technologie sowie Smart Contracts gelegt und Gesetz dafür verabschiedet. Das heißt, es kann nicht mehr lange dauern, bis es erste EU-Richtlinien dazu gibt. Ich gehe davon aus, dass in spätestens fünf Jahren diese Basis geschaffen wird. Theoretisch kann schon jetzt jeder Smart Contracts im Privatbereich nutzen, es ist ja nicht illegal.

Das heißt, für Sie ist es keine Frage mehr, ob Smart Contracts, Blockchain und Kryptowährung in der Baubranche Einzug halten werden, sondern nur eine des Zeitpunkts?

Peter: Definitiv. Und man darf nicht vergessen, dass es hier nicht nur um die Baubranche geht. Blockchain ist eine Technologie, die auf vielen Ebenen des Lebens Veränderungen mit sich bringen wird. In Deutschland gibt es schon eine Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung, im Zuge derer Working Groups Einsatzmöglichkeiten der Blockchain-Technologie ausarbeiten. Die Blockchain-Technologie wird auch sehr stark den administrativen Bereich des Staates verändern, was man aktuell am Beispiel Dubais sehr gut erkennen kann. Dort wird aktuell versucht, die kompletten Regierungsangelegenheiten auf Blockchain umzustellen. Es gibt aber auch schon in Schweden Pläne, die eigene Währung komplett auf eine digitale Währung umzustellen. El Salvador hat als erstes Land weltweit Bitcoin als Währung anerkannt. Alles, was mit Blockchain zu tun hat, wird also in den nächsten fünf bis 15 Jahren in der Gesellschaft und somit auch in der Baubranche ankommen. Es wird sich dabei aber auch ein wenig wie beim Internet verhalten: Alle benutzen es, wissen aber gar nicht, was dahintersteckt. Die meisten Menschen werden in dem Moment gar nicht wissen, dass sie eine Blockchain-Technologie nutzen und wie sie funktioniert. Aber sie werden sie nutzen.

Ich sehe die Blockchain als Technologie an, die BIM noch einmal ­pushen und weiterentwickeln kann. Zu BIM 2.0 wenn man so will. Wenn die Blockchain als Basistechnologie Anwendung findet, ist viel denkbar.

Jacqueline Peter

Ist das – wenn man jetzt beim Vergleich mit dem Internet bleibt – nicht auch eine gefährliche Entwicklung, wenn wir noch ein Instrument in die Hand nehmen, das alle verwenden und wenige wirklich verstehen?

Peter: Das ist eine schwierige Frage, die man natürlich noch um weitere Technologien wie künstliche Intelligenz erweitern kann. Prinzipiell hat jede Technologie ihre Tücken, aber eben auch ihren unbestrittenen Nutzen. Eine wesentliche Frage dabei wird sein, ob die Technologie ein großes Unternehmen wie Amazon oder Google aufbaut oder das Ganze wie bei Bitcoin – also öffentlich – gestaltet ist. Wird die Technologie öffentlich genutzt, würde die Blockchain den Teilnehmer*innen und somit keinem Unternehmen gehören.

Wie weit kann Blockchain die Digitalisierung der Baubranche noch beeinflussen?

Peter: Ich sehe die Blockchain als Technologie an, die BIM noch einmal pushen und weiterentwickeln kann: zu BIM 2.0, wenn man so will. Wenn die Blockchain-Technologie Anwendung als Basistechnologie findet, sind viele Weiterentwicklungen denkbar.

Was würden Sie Bauunternehmern hinsichtlich der verstärkten Digitalisierung eines doch eher analogen Berufs raten?

Peter: Alle Leute sollten offen sein, was Digitalisierung angeht. Das ist eine Entwicklung, die man nicht aufhalten kann – was vor 20 Jahren undenkbar gewesen ist, ist heute weltweiter Standard. Je früher man sich damit beschäftigt, desto einfacher wird es später werden, neue Geschäftsmodelle zu erkennen und mit dem Flow zu gehen, das Unternehmen für die Digitalisierung fit zu machen beziehungsweise up to date zu halten. Oftmals geht es auch nur darum, neugierig zu sein und Dinge auszutesten. Man kann sich ja beispielsweise schon jetzt – nur um einmal die Luft zu schnuppern – eine Wallet machen und einfach ein wenig Kryptowährung zwischen zwei Personen hin- und herschieben.

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