Bauchemie

Nachhaltig aus der Krise

Bauchemie
07.05.2024

Auch die Bauchemie-Anbieter sind von der Wohnbauflaute betroffen. Sie setzen weniger auf das Wohnpauket der Regierung, sondern auf das Thema Nachhaltigkeit.

Gemischte Gefühle

Marko Haberhauer beschreibt die Lage, in der sich seine Branche derzeit befindet, nüchtern: „Die Bauwirtschaft befindet sich in Österreich in einer Rezession“, meint der General Sales Manager für Österreich, Ungarn und Slowenien des Betonzusatzmittel-Anbieters Master Builders Solutions. „Der Zementabsatz hat sich als guter Indikator für die Entwicklung des Zusatzmittelgeschäftes erwiesen. Geht der Zementabsatz zurück, wird weniger Beton produziert, und als Konsequenz werden weniger Betonzusatzmittel benötigt,“ analysiert er. Und dieser Indikator zeigt derzeit nach unten. Haberhauer: „Konkret ist der Zement- und Betonabsatz im Jahr 2023 um rund 20 Prozent zurückgegangen.“ Vor allem der Hochbau und „hier speziell der Wohnungsbau stagniert und wird sich nach aktuellen Prognosen nicht so schnell erholen“. Der Tiefbau sei stabil. Man erwarte sich aber „hier keine großen Sprünge nach oben“. Der Infrastrukturbau sei „dank Projekten der Asfinag und der ÖBB positiv zu sehen“.

Klarer und präziser lässt sich die aktuelle Lage der Bauchemie-Anbieter kaum zusammenfassen. Was Haberhauer schildert, wird von seinen Branchenkollegen bestätigt. Andreas Nemeth, Geschäftsführer von Westwood Kunststofftechnik, analysiert ähnlich: „Die österreichische Wirtschaftsleistung hat im Vergleich zum Jahr 2023 um knapp ein Prozent nachgelassen. Somit sind die starken Wachstumsschübe der Vorperioden vorbei. Wir befinden und also heuer in einem klaren Rezessionsjahr“, meint er. „Durch die aktuell unattraktiven finanziellen Rahmenbedingungen des Finanzsystems, im speziellen bei der Vergabe von Krediten und Investitionen, ist das Engagement im Hochbau/Neubau stark zurückgegangen.“ Im Tiefbau, „vor allem im Bereich der Sanierung, Revitalisierung und Instandsetzung von Objekten können wir jedoch einen für uns positiven Trend erkennen“.

Gemischte Gefühle

Andreas Wolf, Geschäftsführer von Mapei in Österreich, beurteil den Tiefbau ebenfalls positiv: Der Tiefbau, „in den unter anderem der Tunnelbau oder der Bereich Kanalsanierung fällt“, entwickle sich „stabil und zufriedenstellend“. Der Hochbau muss seiner Meinung nach differenziert betrachtet werden. Beim klassischen Einfamilienhausbau verzeichne Mapei „wie die gesamte Branche“, Einbußen. „Dagegen ist die Auftragslage beim Objekt – und Großbau sehr gut.“ Die „Bauchemie entwickelt sich leider weitgehend analog zur Bauwirtschaft: also starke Rückgänge im Neubau – hauptsächlich bei Abdichtungen, Boden und Betonbeschichtungen – und momentan leider nur weitgehend stabiles Geschäft in der Sanierung und Instandhaltung“, meint Paul Lassacher, Technischer Geschäftsführer der Synthesa Gruppe.

Mit gemischten Gefühlen betrachtet auch Markus Egger, Geschäftsführer von Sika Österreich, die derzeitige Marktlage. „Wir verzeichnen weiterhin eine robuste Nachfrage in bestimmten Segmenten, wie zum Beispiel im Tiefbau und in der Sanierung. Diese Bereiche bieten Chancen für unser Wachstum“ so Egger. Dann folgt die Einschränkung: „Allerdings sehen wir auch Herausforderungen, insbesondere im Wohnbau, wo die Nachfrage rückläufig ist, was sich negativ auf unsere geschäftliche Entwicklung auswirkt.“ Egger verweist zudem auf die gestiegenen Kosten, mit denen die Branche zu kämpfen hat – „darunter Energie-, Miet-, Logistik-, und Personalkosten“. Nachsatz: „Trotzdem sind wir optimistisch und setzen auf unsere bewährten Strategien sowie auf gezielte Maßnahmen und Lösungen, um diesen Herausforderungen zu begegnen.“

Peter Reischer, Kaufmännischer Geschäftsführer bei Murexin, setzt auf „den Vorteil eines breiten Kundenportfolios und eines vielfältigen Produktsortiments“, um die „derzeit schwierigen Marktverhältnisse“ und Herausforderungen im Bereich Wohnbau abzufedern. Reischer: „Dies ermöglicht es uns, in verschiedenen Segmenten am Bau präsent zu sein und uns dadurch besser an die aktuellen Marktbedingungen anzupassen. Beispielsweise sind viele unserer Produkte für Sanierungen die erste Wahl.“

Die Vokabel „schwierig“ verwendet auch Gunther Sames, Geschäftsführer von Ardex Austria, um die aktuelle Marktlage zu beschreiben. Wichtiger Ergänzung: „Allerdings besser als erwartet.“ Ob dieser Trend anhalte, gelt es abzuwarten, so Sames weiter. „Generell rechnen wir ab der zweiten Jahreshälfte mit einer stabilen und leichten Verbesserung der Situation.“

Das Wohnbaupaket der Bundesregierung bewerten die Vertreter der Bauchemie-Branche durchaus positiv. Übertrieben große Hoffnung setzen sie allerdings nicht in diese Maßnahmen. „Ich finde, dass das Paket gute Ansätze beinhaltet. Wobei ich der Meinung bin, dass die jetzigen Folgen durch frühes Eingreifen abgefedert werden hätten können“, meint Mapei Österreich-Chef Wolf. Die Folgen der höheren Zinslast und Eigenkapitalanforderungen bei der Kreditvergabe seien „absehbar“ gewesen. Wolfs Bitte an die Politik: „Wünschenswert für das Baupaket ist vor allem ein unkomplizierter, schneller und unbürokratischer Ablauf, damit die Maßnahmen schnell greifen können.“

Diesen frommen Wunsch teilt Westwood Kunststofftechnik-Geschäftsführer Nemeth. Er fordert, „dass bei den Ansuchen von Bauvorhaben keine versteckten bürokratischen Hürden eingebaut sind“. Nemeth: „Schnelle Reaktionszeiten in der Durchführung müssen garantiert werden können.“ Die Sorge, die sich hinter dieser Aussage verbirgt, spricht Synthesa-Geschäftsführer Lassacher, der das Paket „grundsätzlich positiv“ sieht, offen aus: „Jetzt verursacht die Ankündigung natürlich erstmal ein Zuwarten bis zur Klärung aller Details! Es kommt daher jetzt auf die Umsetzungsgeschwindigkeit an, um nicht zu erwartendes Momentum unnötig abzuwürgen.“

Ardex-Geschäftsführer Sames verdeutlicht, von wem er sich nun die notwendige Geschwindigkeit erwartet. Das Baupaket sei „zweifelsohne ein Schritt in die richtige Richtung“. Es werde nun darauf ankommen, „ob es Anreiz genug ist und wie schnell und effektiv das Paket am Markt ankomme. „Insbesondere das Mitwirken der Bundesländer ist von enormer Wichtigkeit“, so Sames.

Murexin-Chef Reischer ist bei aller Freude über das Baupaket der Meinung, „dass diese Maßnahmen allein nicht ausreichen, um die Herausforderungen vollständig zu bewältigen“. Was aus seiner Sicht flankierend notwendig wäre: „Die erwarteten Zinssenkungen im Euroraum und eine Erleichterung bei der Kreditvergabe“. Zudem wünscht sich Reischer gezielte Förderungen, „die spezifisch auf die Bedürfnisse des Baugewerbes abzielen“. Westwood Kunststofftechnik-Geschäftsführer Nemeth glaubt, dass die Konjunktur mit dem Baupaket „kurzfristig angekurbelt“ werden könne. „Zweckzuschüsse und begünstigte Darlehen sollen vom Land für förderwürdige Projekte vergeben werden.“ Die Nutznießer dieser Maßnahmen: die Endabnehmer und „die ausführenden Betriebe“.

Ausgesprochen gut gefällt Nemeth ein anderer Aspekt des Baupakets. „Die Idee die Sanierungsquote zu erhöhen, erachte ich als zukunftsweisend und einen wichtigen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit und Ressourcenschonend“, meint er. Dieser Hinweis ist bezeichnend. Die Manager der Bauchemie-Branche befassen sich nicht nur mit kurzfristigen Maßnahmen gegen die Wohnbauflaute. Sie richten ihren Blick auf Themen, die langfristig strategische Relevanz haben und entscheidend zur Bewältigung der Krise beitragen können. Dabei ist ein Thema zentral: Nachhaltigkeit.

„Im Bereich Nachhaltigkeit verfolgen wir ehrgeizige, aber realistische Ziele“, sagt Sika Österreich-Geschäftsführer Egger. „Konkret streben wir eine Reduzierung unserer Treibhausgasemissionen um 20 Prozent sowie eine Senkung des Ressourcenverbrauchs um 15 Prozent an. Diese Ziele sind fest in unserer Strategie 2028 verankert. Bis 2050 haben wir uns ambitionierte Netto-Null-Ziele gesetzt.“ Um das zu erreichen setze man auf eine Reihe von Maßnahmen. Dazu zähle die Reduktion des Zementeinsatzes, die Verwendung von Recyclingmaterialien und die Implementierung „des Biomasse-Balance-Ansatzes, wie beispielsweise den Einsatz von Bioschalöl anstelle von herkömmlichem Schalöl“.

Bei Mapei läuft die Forschungsabteilung laut Österreich-Geschäftsführer Wolf „auf Hochtouren“, um innovative Produkte auf den Markt zu bringen. Der aktuelle Fokus: „nachhaltige Lösungen sowie Sanierungs- und Renovierungslösungen“. Mapei hat 2023 eine „Nachhaltigkeits-Arbeitsgruppe“ gegründet. Diese, so Wolf, „beschäftigt sich nicht nur mit produktbezogenen Angelegenheiten zum Thema Nachhaltigkeit, sondern mit allen Prozessen und Abläufen bei Mapei Austria“. Auch das Thema EPD sei für den Mapei-Konzern „schon lange kein Fremdwort mehr“. Dieses Akronym steht für „Umweltproduktdeklarationen“, die detailliert Auskunft über die Umweltauswirkungen eines Produktes geben (siehe auch den Artikel ab Seite 18 dieser Ausgabe: „Kein EPD – kein Auftrag“). Wolf: „Aktuell bestehen 95 EPDs auf Gruppenebene, die 235 Produkte zertifizieren.“ 

Auch die anderen Anbieter befassen sich intensiv mit EPDs. „Das Thema Nachhaltigkeit nimmt eine zentrale Rolle in unserer Unternehmensstrategie ein und wir stellen uns dem aktiv“, meint Murexin-Geschäftsführer Reischer. „Wir setzen Maßnahmen wie die Erstellung von Umweltproduktdeklarationen für unsere Produkte und legen Ziele von der Produktentwicklung bis hin zu internen Prozessen fest.“ EPDs, so Reischer weiter, „mache die Umweltauswirkungen unserer Produkte transparent und ermöglichen unseren Kunden, informierte Entscheidungen zu treffen.“

EPDs können dazu beitragen, „die Bauchemische Industrie zu einem nachhaltigeren und umweltfreundlicheren Sektor zu machen und somit das Bauen in der Zukunft positiv zu beeinflussen,“ meint Ardex Austria-Geschäftsführer Sames. Ardex bündelt seine Aktivitäten im Bereich Nachhaltigkeit unter dem Dach der Initiative „Building Tomorrow“. Dazu zählt die gruppenweite Klimaschutzstrategie „Ardex goes Zero“.

Builders Solutions-Manager Haberhauer weist auf einen besonderen Aspekt hin, auf den sein Unternehmen das Augenmerk legt: „Nachhaltigkeit kann nur in einem Zusammenspiel mit den Zementherstellern- und Betonproduzenten sowie den Anwendern, die bereit sind neue Wege zu gehen, gelingen“, so Haberhauer. „Selbst wenn es zum Schluss vielleicht ein bisschen länger dauert, bis Beton mit geringem Zementklinkeranteil den Anspruch eines modernen und nachhaltigen Baustoffes gerecht wird.“ Der Aufwand lohnt sich aus seiner Sicht: „Ohne Beton funktioniert die Bauwirtschaft nicht. Das wussten schon die alten Römer.“

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